In Astrachan befinden sich 20 Menschen seit 23 Tagen im Hungerstreik. Sie protestieren gegen den Wahlbetrug bei der Bürgermeisterwahl und setzen dabei im buchstäblichen Sinne ihr Leben aufs Spiel.
"Oleg Schein
hat in den letzten 20 Tagen neun Kilogramm abgenommen. Zusammen mit 21
Mistreitern hungert der 40jährige Politiker in seinem Abgeordneten-Büro
aus Protest gegen Fälschungen bei der Bürgermeisterwahl am 4. März in
Astrachan.
Bei der Wahl kandidierte Schein gegen den amtierenden Bürgermeister Michail Stoljarow
, welcher der Kreml-Partei Einiges Russland angehört. Stoljarow erhielt
bei der Bürgermeister-Wahl nach offiziellen Angaben 60 Prozent der
Stimmen. Schein dagegen bekam nur 29,9 Prozent der Stimmen. Doch das
offizielle Ergebnis wird von dem unterlegenen Kandidaten angezweifelt.
Webcam-Videos als Beweise
Als Beweis für offensichtliche Wahlfälschungen hat
Schein der Zentralen Wahlkommission 17 Video-Aufnahmen der offiziellen
Webcams vorgelegt, die am Wahltag die Wahlprozedur filmten. Nach dem
Studium der Videos gestand die Zentrale Wahlkommission ein, dass es in
einigen Wahllokalen zu ernsten Unregelmäßigkeiten gekommen war. Doch
eine Wiederholung der Wahlen wollte die Kommission nicht anordnen.
Der unterlegene Kandidat versucht jetzt von 50 der
insgesamt 251 Wahllokalen in der südrussischen Stadt Webcam-Videos
vorzulegen, um seine Vorwürfe vor Gericht zu untermauern. Schein
verweist darauf, dass er nach den Ergebnissen der Exit-Polls und den
Ergebnissen der elektronischen Wahlurnen der Wahlsieger war.
Sozial engagiert und populär
An dem Hungerstreik beteiligen sich Arbeiter,
Kleinunternehmer, Lehrer, Jugendliche und auch einige ältere Frauen im
Alter zwischen 52 und 64 Jahren. Um den Gesundheitszustand dieser Frauen
macht sich die bekannte Moskauer Ärztin Jelisaweta Glinka (Dr. Lisa) große Sorgen.
Sie will den Hungerstreikenden in Astrachen am Freitag im Rahmen einer
Delegation der Moskauer "Liga der Wähler" einen Besuch abstatten. Ein
Vertreter der amerikanischen Botschaft, der die Hungerstreikenden
ebenfalls besuchen wollte, bekam eine Absage. "Mit den Problemen der
Demokratie in Russland werden wir irgendwie selbst klar kommen, ohne die
Hilfe der amerikanischen Botschaft", erklärte Schein gegenüber dem Kommersant.
Zornige Bürger überall im Land
Der Hungerstreik wird von den Kreml-kritischen Medien
aufmerksam verfolgt. Der Hungerstreik in Astrachan zeige, dass es das
Phänomen der "zornigen Bürger" nicht nur in Moskau, sondern im ganzen
Land im gibt, kommentierte die Nowaja Gazeta.
Schein stammt aus Astrachan. Der unterlegene Kandidat
arbeitete zunächst als Geschichtslehrer. 1995 gründete er die
unabhängige Gewerkschaft Saschita (Schutz). Von 1999 bis 2011 gehörte er
der Duma, dem russischen Unterhaus an. Schein ist kein gewöhnlicher
Politiker und wohl deshalb in Astrachan populär. Er scheut sich nicht
über die Zusammenarbeit von Beamten und Kriminellen bei krummen
Immobilien-Deals zu sprechen. Wegen seiner Gradlinigkeit fürchten
politische Freunde jetzt, Schein werde bei dem laufenden Hungerstreik
sein Leben riskieren.
Der Kreml hält sich mit Kommentaren zu den Vorfällen in
Astrachan bisher zurück. Die Macht spiele auf Zeit, meint der Politologe
Dmitri Oreschkin. Man hoffe, dass die Hungerstreikenden ihre Aktion
einstellen. Auf einen Kompromiss werde der Kreml nur eingehen, "wenn er
dabei selbst als Sieger dasteht", erklärte der Politologe gegenüber dem
Kommersant..." http://www.heise.de/tp/artikel/36/36723/1.html
In dem Zimmer von Oleg Shein sitzen etwa dreißig Personen. 22 von ihnen befinden sich im Hungerstreik. Heute ist der 23. Tag.
Das
ist ein Schritt der Verzweiflung, da alle Beschwerden und
Klagen unbeantwortet bleiben oder über den bürokratischen Kreislauf wieder zu den Hungernden zurück kehren. Es ist stickig; der Geruch des Hungers - man kann ihn mit nichts anderem verwechseln - ist bereits auf dem Flur spürbar. Die Hungernden sind zunächst gesprächig, aber ihre Kraft reicht nicht lange. Alle haben sie diese wachserne Blässe, besonders auffallend im Gesicht und an den Händen von Oleg Schein selbst.

Die Menschen sparen instinktiv ihre Kräfte, sie scheinen jede Bewegung, jede Körperhaltung abzuwägen. Sie stützen sich auf den Tisch oder lehnen sich an eine Wand, wenn wir mit ihnen sprechen. Das ist der Mechanismus der Energieeinsparung, den der Körper einschaltet. Auf
den ersten Blick nicht auszumachen, wer hier alles Hilfe braucht; mit
jedem Besucher reden die Leute bereitwillig in der Hoffnung
gehört zu werden. Eine Stunde später sehen wir, wie schwer den Menschen das Gespräch fällt. Eine ältere Frau liegt auf dem Boden. Ein Mann
mittleren Alters schläft am Eingang, ohne den Kameras, den Besuchern oder den Fragen der Journalisten Beachtung zu schenken. Jünger Mann um die
20, totenblaß, lehnt sich an die Wand und sagt, dass alle Beschwerden
keinen Sinn hätten, aber die Willkür nicht weiter zu ertragen sei. Parfenow (Journalist)
und Schkumatow (Politaktivist) haben sich die Videos angesehen, auf denen die angeblichen Wahlmanipulationen zu sehen sind, lasen die endlosen Beschwerden und Ablehnungen , die ein Wahlbeobachter in einer Mappe gesammelt hatte. Ich weiß nicht, ob es ihnen gelingt, es jenen zu vermitteln, die Entscheidungen treffen. Mit großer Mühe ist es uns gelungen, fünf Frauen und den bleichen Mann davon zu überzeugen, den Hungerstreik abzubrechen. Die restlichen sind, bis auf eine Journalistin, die Jelena heißt, Männer. Wie lange ihre Kraft noch reicht - ich weiß es nicht.
Am gleichen Tag ist Herr Boschenow, ehemaliger Bürgermeister von Astrachan, der vor kurzem zum Gouverneur der Region Wolgograd ernannt wurde, nach Italien gefahren, um dort seinen Geburtstag zu feiern. Darüber hat Andrej Malgin geschrieben. http://avmalgin.livejournal.com/3017284.html#comments
"Wir haben keine Wahl" - sagen die Verbliebenen.
Ich verstehe sie.
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